Stich für Stich 

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Bestimmt ist es verboten,
hier, auf einer privaten Homepage
"Schleichwerbung" zu betreiben. 
Trotzdem soll fairerweise
nicht unerwähnt bleiben,
daß die folgende Geschichte
nicht dass Produkt meiner Fantasie ist,
sondern von Ingrid Noll,
einer wohl sehr bekannten und beliebten
deutschen Schriftstellerin erdacht wurde.
(Ich habs extra leise gesagt,
damit man mir nicht wirklich noch nachsagt,
daß ich Schleichwerbung machen würde ;-) )

Ich finde die Erzählung  
so witzig und grotesk,
daß ich sie dir hier
zum Lesen anbieten möchte.
Wenn du also Zeit hast,
bleib ein wenig hier,
und lies:

" S T I C H    
  F Ü R    
S T I C H "
(von Ingrid Noll)

Es muss wohl in der Familie liegen: Meine Oma und meine Mutter haben auf Teufel komm raus gestickt. Damals wurde eine solche Arbeit allerdings ernst genommen und nicht herablassend als Hobby oder Beschäftigungstherapie bezeichnet. Meine Großmutter hatte ihre gesamte Aussteuer, Bett- und Tischwäsche, Handtücher, Nachthemden, und Unterwäsche mit Monogramm versehen, meine Mutter war eine Meisterin in der Lochstickerei, alles Weiß in Weiß. Wahrscheinlich haben sich beide dabei die Augen verdorben, obgleich mein Augenarzt sagt, das sei nicht erwiesen. Ob es sinnvoll ist, Löcher in weiße Tischtücher zu schneiden, um sie dann wieder halbwegs zuzusticken, sei dahingestellt, ebenso, ob man auf jedem Küchentuch ein Monogramm braucht. Ich bin da ehrlicher und gebe zu, daß ich nur zum Vergnügen sticke. Und ich würde mich nie und nimmer mit weißen Löchern oder roten Monogrammen zufriedengeben - langweilig, sage ich nur. Bunt muss es sein, fantasievoll und aussagekräftig. Meine Anfänge waren bescheiden; nach vorgegebenem Muster stickte ich in Kreuzstich auf Stramin. Blümchen auf Schürzen, Blümchen auf Kaffedecken, Blümchen auf Sofakissen. Ein bißchen einfältig sah das allerdings aus, aber auch lieb und fröhlich, und ich war schließlich noch sehr jung.
   Nach diesen Anfangserfolgen wurde ich mutiger und erlernte Stiel- und Plattstich. Stundenlang konnte ich in Kurzwarengeschäften farbigen Twist oder Stickseide nebeneinanderlegen und Kombinationen zusammenstellen. Pfauenblau und Pfirsichrosa, Türkis und Honiggelb, Lachsrot und Schokoladenbraun, Silber und Nachtblau, Elfenbein und Jadegrün. Meine Kissenhüllen wurden nicht mehr in einfarbigem Grundton gehalten und mit verstreuten Röschen verschönert, sondern bestanden nur noch aus einem einzigen Blumenmeer.
   Aber die Krönung ist die Gobelinstickerei. Eine jugoslawische Kollegin zeigte mir einen Katalog, aus dem man die Vorlagen für berühmte Gemälde bestellen konnte, um sie nach einjähriger Arbeit, etwa in ein eindrucksvolles Stickbild zu verwandeln. Ich war begeistert. Das Programm enthielt auch Muster für kleinere Arbeiten wie etwa Bezüge für Fußschemel und Bezüge für Kleiderbügel, die sich als entzückende Geschenke verwenden ließen. Von da an gab es für mich nie mehr Abende vor dem Fernseher, sonntägliche Spaziergänge, Kreuzworträtsel oder gar Kinobesuche.
   Wenn ich von der Arbeit heimkomme, verrichte ich in Windeseile meine Hausarbeit, stelle mir ein Fertiggericht in die Mikrowelle, ziehe mir in den fünf Minuten bis zum Garwerden meine Büroklamotten aus und einen Jogginganzug an und stelle das Radio ein. Ich verschwende keine überflüssige Zeit für Telefonate, Einkaufsbummel, Zeitunglesen oder Familienbesuche. Soziale Pflichten gegenüber Kollegen oder Verwandten leiste ich mit einem weihnachtlichen Geschenk ab. Wenn sie dann bestickte Buchhüllen, Bildchen, Lesezeichen, Duftkissen oder Teewärmer erhalten, können sie es kaum glauben, daß ich so viel Zeit in Freundschaft investiert habe. "Wie viele Stunden haben Sie daran gesessen?" fragen sie jedesmal. Ich führe Buch darüber. Je nach Verwandtschaftsgrad beziehungsweise kollegialer Verbundenheit rechne ich mit 20 bis 400 Arbeitsstunden. Das macht Eindruck. Sie behaupten, meine Gabe nicht annehmen oder nicht wiedergutmachen zu können. Nächstes Jahr solle ich es bitte lassen, das müsse ich versprechen. Dann lächle ich hintergründig und sage: "Mal sehen!"
   Vielleicht hätte ich nie eine solche Leidenschaft für Handarbeiten entwickelt, wenn ich nicht mit 17 Jahren, als meine Altersgenossen im Sommer schwimmen und im Winter tanzen gingen, an Hepatitis erkrankt wäre. Ich musste mich schonen, zuhause bleiben und viel ruhen. Es wäre wohl sehr langweilig geworden, wenn ich nicht zufällig im Nähkörbchen meiner Mutter eine angefangene Stickerei entdeckt hätte. Sie war etwas verwundert, daß ich Interresse an solchen Geduldsspielen zeigte, aber sie unterwies mich doch hinreichend, so daß mir dieses erste Stück ganz gut gelang.
   Übrigens blieb ich auch nach meiner Genesung ein wenig anfällig, eine sogenannte halbe Portion, kaum belastbar und schwierig im Umgang mit anderen Menschen. Die Buchhalterei erlernte ich ohne große Begeisterung, jedoch pflichtbewusst. Man kann sich auf mich hundertprozentig verlassen, darauf baut mein Chef. Ausserdem wissen die Kollegen, daß sie mein Befürfnis nach Ruhe und Alleinsein zu respektieren haben. Mein Zimmer wird nicht ohne triftigen Grund und schon gar nicht ohne deutliches Anklopfen betreten. Insgeheim werde ich bedauert, daß ich keine Familie habe - aber ich vermisse nichts, ob man es nun glaubt oder nicht. Im Gegenteil, es würde sich sehr störend auf meinen Feierabend auswirken, wenn ich mich nicht auf meine wirkliche Berufung konzentrieren könnte.
   Längst habe ich meine ersten Bilder - Pferde-, Katzen- und Alpenblumenmotive - weggepackt; falls ich nicht ein dekoratives, aber nützliches Geschenk herstelle, beschäftige ich mich hauptsächlich mit klassischer Kunst. Im Wohnzimmer hängen ein gestickter Rambrandt, ein Lukas Cranach, ein Michelangelo, im Schlafzimmer Madonnen aus vier Jahrhunderten, in der Küche französische Impressionisten, um nur einige zu nennen. Leider habe ich gar nicht so viel Platz, um alle meine Träume in die Tat umzusetzen. Wie schön wäre es beispielsweise, Picassos "Kind mit Taube" über meinen Eßplatz zu hängen, aber da prangen schon Murillos Traubenesser und van Goghs Sonnenblumen. Übrigens habe ich bei dem genialen Holländer meine Lieblingserfindung zum ersten Mal realisiert - nämlich die Originalfarben verbessert. Goldgelbe Sonnenblumen kennt jeder, ebenso bräunlich verblühte. Aber blaue sind absolut ungewöhnlich, und dieses Gemälde hat durch meine Idee unendlich gewonnen. Inzwischen habe ich meinen Trick schon häufig angwwendet und dadurch ganz neue und erstaunliche Effekte erzielt. Es hat mich allerdings tagelang verdrossen, als ich auf Franz Marcs rote Pferde stieß; der Kerl hatte doch just den gleichen Einfall wie ich - nur früher.
   Eine größere Wohnung wäre nötig, aber das ist leider auch ein finanzielles Problem. Ich trage mich mit dem Gedanken, eine Garage anzumieten, dabei besitze ich weder Führerschein noch ein Auto. Aber es hat natürlich etwas Spekatuläres, vier fensterlose weiße Wände mit klassischen Gemälden in ein kleines Museum zu verwandeln. Bis jetzt habe ich bei meiner Suche leider noch keine Garage entdeckt, die meinen Ansprüchen genügt.

Aber eines Tages gab es eine empfindliche Störung in meinen gleichmäßigen Lebensrhythmus. An einem Samstagvormittag fiel ich im Supermarkt um. Es war heiß, und ich war in Eile, als mir plötzlich schwarz vor den Augen wurde. Erst im Krankenwagen kam ich wieder zu  mir. Mein Arzt, den ich lange nicht mehr konsultiert hatte, konnte zwar ausser einem niedrigen Blutdruck nichts Bedenkliches feststellen, aber er ließ sich meinen Tagesablauf minutiös schildern. Dabei fiel mir zum ersten Mal selbst auf, daß ich fast meine gesamte Zeit im Sitzen verbringe. Es ind nur wenige Schritte von meiner Wohnung bis zur Bushaltestelle, und von dort ist es genauso nahe zum Büro. Der Arzt empfahl mir eine Kneippkur.
   In Bad Wörishofen lebte ich ausschließlich meiner Gesundheit, ich hatte mir . es klingt fast masochstisch - weder weder Stickrahmen, noch Nadeln und Garn mitgenommen. Der Tag begann bereits im Bett mit einem heißen Heusack auf den verspannten Nacken. Noch vor dem Frühstück musste ich Wassertreten, musste mich anschließend massieren lassen und zwei mal täglich zu einer Wanderung aufbrechen. Zum ersten Mal in meinem Leben entwickelte ich einen gesunden Appetit, so daß ich am Nachmittag gelegentlich in einem Cafe einkehrte. Die kulturellen Angebote ließ ich links liegen; Ich war nicht hier, um mir Konzerte und Vorträge anzuhören. Außerdem hatte ich mein Radio und die Kopfhörer mitgenommen denn für mein psychisches Gleichgewicht ist die stündliche Nachrichtensendung dringend erforderlich.
   Nach drei pflichtbewussten Tagen setzte sich eine Fremde im überfüllten Cafe zu mir an den Tisch. Ich hatte es bis dahin tunlichst vermieden, jammernde AOK-Patienten kennenzulernen, und verhielt mich einsilbig. Aber die Dame ließ mit ihrem munteren Geplauder nicht locker und verienbarte für den nächsten Tag einen gemeinsamen Ausflug. Wir besichtigten eine Falknerei. Mit Verwunderung stellte ich fest, daß es fast Spaß machte, zu zweit etwas zu unternehmen. Von da an bin ich kein einziges Mal mehr allein durch die Natur gestiefelt.
   Wir bereits gesagt, habe ich eine eigene Familie nie vermisst. Eine Freundin hätte ich mir jedoch gelegentlich schon gewünscht. Ich war in dieser Hinsicht allerdings übervorsichtig und beobachtete Gunda Mortensen mit zurückhaltender Achtsamkeit. Ein einmal gegebenes "Du" läßt sich schlecht wieder rückgängig machen, Geschichten und Beichten aus der Kindheit oder dem Privatleben sind nicht mehr unser Eigentum, wenn wir sie vertrauensselig ausgeplaudert haben. Aber Frau Mortensen hatte selbst viel zu erzählen, da fiel es ihr gar nicht weiter auf, daß ich nur freundliche und verständnisvolle Kurzkommentare gab, mich selbst und meine Welt jedoch ausklammerte. Auch über meine große Liebe verlor ich kein Wort.
   Drei Wochen sind schnell vorbei. Der Abschied fiel mir nicht leicht, obgleich ich andererseits meinem Zuhause und meiner Lieblingsbeschäftigung entgegenfieberte. Ich fühlte mich fit und voller Schaffenskraft. Gunda wollte mir schreiben; sie wohnte nicht allzuweit entfernt, vielleicht ergab sich sogar irgendwann ein Besuch. Ich hoffte es sehr, wollte aber nicht mit einer direkten Einladung aufdringlich gelten.
   Der Alltag hatte mich wieder voll im Griff, als ich eines Tages einen reizenden Brief meiner Wörishofener Bekannten erhielt. Sie schrieb hauptsächlich über sich, über ihr Lebens als Witwe, über ihre Kinder und das erste Enkelchen. Es war mir eine fremde Welt, obgleich meine Kolleginnen ähnliches zu berichten hatten. Nach einer angemessenen Frist habe ich geantwortet und von da an auf erneute Post gewartet. Bereits im nächsten Schreiben wurde ein Besuch angekündigt, der mich in große Erregung versetzte.
   Es hört sich wahrscheinlich ungewöhnlich an, aber ausser meiner verstorbenen Mutter hatte mich noch niemals ein Gast in meiner Wohnung aufgesucht. Allerdings hatte ich auch noch nie eine Menschenseele dazu aufgefordert.
   Da ich noch drei Wochen Zeit hatte, konnte ich in Ruhe überlegen, wie man einen gast bwirtet, was einzukaufen war und ob ich ein Hotelzimmer reservieren musste. Außerdem beschloß ich, Gunda Mortensen ein kleines Geschenk zu überreichen, natürlich kein gesticktes Bild, an dem ich mindestens 200 Stunden arbeiten müsste. Nur zu gut wusste ich, daß es feinfühlige Naturen in Verlegenheit brachte, wenn ich allzuviel Zeit für die Herstellung ener kleinen Überraschung verwendet hatte. Ich entschied mich für eine zierliche schwarze Seidenbörse mit einem gestickten biedernmeierlichen Vergißmeinnichtkränzchen. Das Motiv hatte ich selber entworfen und es geriet zu einem kleinen Meisterwerk.
   Kochen hatte ich nie gelernt, ebensowenig Kuchen backen. Ich scheute aber keine Mühe, mich mit dem Taxi in die beste Kondtiorei fahren zu lassen, um sechs verschiedene Torten und Kuchenstücke zu kaufen, für jeden Geschmack etwas - Joghurtcreme mit Obst, Frankfurter Kranz, Sacher- oder Apfeltorte. Ich deckte den Tsich  mit einer selbst gestickten Decke (andere besitze ich gar nicht), die ich bis dahin nie benutzt hatte. Sie gehört noch in meine frühere Blumenepoche. Rosa Apfelblüten auf tannengrünem Grund, zartgrüne Blättchen und kleine Bienen lassen den gedeckten Tisch frühlingsfrisch und anmutig erscheinen.
   Gunda kam pünktlich. An der Wohnungstür reichte sie mir strahlend, fast erwartungsvoll die Hand. Der Flur ist ein wenig dunkel meine dort hängenden Werke kommen kaum zur Geltung, ich konnte noch keine begeisterte Reaktion erwarten. Nachdem sie ihren Mantel ausgezogen hatte, führte ich sie ins Wohnzimmer, wo ich erst mal mitten im Raum stehenblieb, damit sie in aller Ruhe die vielen Bilder auf sich wirken lassen konnte.  Zwar ließ Gunda ihre Blicke schweifen, sagte aber vorerst nichts. Erst als ich ihr Kaffe einschenkte, kam die verblüffende Frage: "Sind die Stickereien alle von Ihrer verstorbenen Frau Mutter?"
   Ich gab keine Antwort, sondern legte ihr mein hübsch eingepacktes Geschenk auf den Teller. Sofort packte sie es aus, Gott sei Dank mit sympatisch-kindlicher Neugier. Wie gesagt, meine schön bestickte Geldbörse war ein Schmuckstück. Und wenn man das Blumenkränzchen genau ansah, dann entdeckte man in der Mitte Gundulas goldenes Monogramm. Sie starrte darauf, zog die Brille aus der Handtasche und vergewisserte sich, daß da tatsächlich ihre Initialien G.M. zu lesen waren.
   Ungläubig sah sie mich an, "Haben Sie das etwa selbst gestickt, Herr Meyer?" fragte sie tonlos. Ich nickte glücklich und verstehe bis heute nicht, daß sie schon nach 10 Minuten aufbrach und nie mehr etwas von sich hören ließ.

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